Aktuelle Nachrichten aus Bremen , Bremerhaven und umzu.

NSR Stadtmagazin gehört zur Familie vom NSR Stadtradio und dem NSR Schlagerradio. Hier bekommt ihr den Schlager und die Musik aus Deutschen Landen die ihr wirklich hören wollt.Unsere Moderatoren freuen sich auf euch !….

Euer Nachrichten und Infokanal aus der Freien Hansestadt Bremen.......

September 19, 2021

NSR Stadtmagazin

Aktuelle Nachrichten aus Bremen , Bremerhaven und umzu.

VERSTECKTER FREIRAUM FÜR KUNSTSCHAFFENDE

Listen to this article
Dem Bremerhavener Paul Ernst Wilke (1894-1971) auf seine Rolle als Mann der Sängerin Lale Andersen zu reduzieren, würde ihm nicht im Ansatz gerecht. 50 Jahre nach seinem Tod wird sein Wirken am Leben gehalten von Kunstschaffenden, die dank eines Vereins sein Atelier nutzen dürfen.

Das weiße Holzhaus mit dem blauen Fensterrahmen fällt am Weserdeich in Bremerhaven kaum auf. Nur wenige hundert Schritte von der Fußgängerzone entfernt, duckt sich das Wilke-Atelier hinter der grünen Spundwand der Hochwasserschutzanlage und unter Bäumen. Im Inneren entwickelt das kleine Häuschen eine überraschende Größe. „Einen so großen Raum hätte man wohl kaum hier erwartet“, bestätigt Anja Warzecha, die gerade einige ihrer Kunstwerke an die weißen Wände des etwa 30 Quadratmeter großen Zimmers im Erdgeschoss hängt. „Das ist doch beeindruckend hier, oder?“, fügt sie hinzu, „schon wegen des Lichts.“ Das Licht fällt gleichmäßig hell in den Raum – so wie es sich für ein Künstleratelier gehört.

Der Bremerhavener Zeichner und Maler Paul Ernst Wilke (1894 – 1971) hat es nach dem Zweiten Weltkrieg bauen lassen. Dank einiger engagierter Menschen können es Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt wie Anja Warzecha für jeweils zwei Monate kostenlos nutzen. „Wir freuen uns einfach, dass wir dieses Kleinod für den Zweck erhalten können, für das es einst geschaffen wurde“, sagt die Vorsitzende vom „Wilke-Atelier Verein zur Kunstförderung e.V.“, Daniela Kramer, über das außergewöhnliche Angebot.

Ein Kleinod mitten in der Stadt

Bremerhaven hat gemessen an der Einwohnerzahl so viele wissenschaftliche Institute mit Weltrang wie keine andere deutsche Großstadt über 100.000 Einwohner. Außerdem hat es hochkarätige Museen zu bieten. Doch mitten in dieser Struktur ein solches Kleinod für Kunstschaffende zu finden, dürfte kaum jemand ohne weiteres erwarten. Der Verein und das Atelier sind jedoch aus der Kunstszene nicht wegzudenken. Mehr als 150 Künstlerinnen und Künstler durften sich hier seit Mitte der 1980er Jahre eine Auszeit gönnen. Während der durchschnittlich zwei Monate langen Aufenthalte setzen sie sich mit dem eigenen Schaffen, mit der Stadt, mit dem Wasser und der Schifffahrt direkt vor der Ateliertür oder auch mit dem typisch norddeutschen Wetter und Klima auseinander. Offensichtlich beflügelt das kleine Holzhaus Seele und Kreativität zugleich: „Ganz viele Künstler bewerben sich um die Zeit hier, weil sie von Kolleginnen und Kollegen vom Wilke-Atelier gehört haben“, sagt die Geschäftsführerin des Vereins, Liebhild Grotrian-Pahl.

Menschen und Landschaften mit viel Gefühl porträtiert

Auch für Paul Ernst Wilke war das kleine weiße Holzhaus Ort der Inspiration und des Rückzugs zugleich. 1947 ließ er es an den damals noch flachen Deich zwischen dem Fluss Geeste und dem Alten Hafen von Bremerhaven errichten. Damals lebte Wilke bereits in der Künstlerkolonie Worpswede, deren Charme und Potenzial er nach langen Wanderjahren mit Stationen in Düsseldorf, Hamburg und Berlin erkannt hatte. Doch die Liebe zu seiner Heimatstadt Bremerhaven war nie erloschen; und auch die Bremerhavener liebten ihn. Das lag nicht allein daran, dass er hier die 17-järhige Lise-Lotte Bunnenberg – die später weltberühmte Sängerin Lale Andersen (1905-1972) – in erster Ehe geheiratet hatte. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor.

Vor allem hatte der Maler die Bremerhavenerinnen und Bremerhavener mit seinen Zeichnungen und Gemälden bezaubert, in denen er die Gesichter und die Landschaft des Nordens mit viel Gespür fürs Detail und für besondere Charaktere festhielt. Dieser Liebe ist es überhaupt zu verdanken, dass das Kleinod am Deich erhalten geblieben ist: Als es 1984 wegen seiner exponierten und bei Sturmflut ungeschützten Lage vor dem Deich abgerissen werden sollte, kämpfte eine Gruppe von Kunstfreundinnen und Kunstfreunden erfolgreich für den Erhalt. Dank der Vereinsbeiträge und der Spenden könne das Wilke-Atelier weiter erhalten bleiben, sagt Daniela Kramer.

Freundeskreis fördert Künstler und das Interesse an der Kunst

Streng genommen haben ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter und sie gar nichts von ihrem Engagement. Während manch anderer Kunstverein sich sein Engagement für die schönen Künste durch ein Werk der geförderten Kunstschaffenden „entlohnen“ lässt, freuen sich die Bremerhavener einfach, wenn ihre Gäste in dem kleinen Atelier Inspiration finden. „Wo sollten wir die ganzen Kunstwerke auch lassen“, sagt Liebhild Grotrian-Pahl mit einem leichten Lächeln. „L’art pour l’art“ scheint eher das Motto des Vereins zu sein – die Förderung der Kunst um der Kunst willen. In den vergangenen Jahren hat der Verein parallel zum Engagement für das Atelier und für die Stipendiaten Großes geschaffen. Beispielsweise gab es zu jeder Sail Bremerhaven – dem großen Windjammertreffen alle fünf Jahre – eine Kunstaktion mit ehemaligen Gast-Kunstschaffenden, die sich unentgeltlich mit teilweise aufwändigen Arbeiten beteiligten. Außerdem ist das Wilke-Atelier mit seinen regelmäßigen Werkschauen der Stipendiaten ein beliebter Kunst- und Kulturtreffpunkt der Stadt.

„Sich treiben lassen und Eindrücke sammeln“

Im weißen Atelierraum bereitet Anja Warzecha inzwischen ihre Abschlussausstellung vor. Sorgfältig hängt sie Beispiele für das an die Wand, was ihr während ihrer Streifzüge durch die Stadt aufgefallen ist. Darunter sind detailreiche und nahezu fotografische Zeichnungen von Weihnachtsmarktbuden, die sie mitten im Sommer in der pandemiebedingt menschenleeren Fußgängerzone entdeckte. Für ihr Werk hat die Künstlerin die Buden aus ihrer Umgebung herausgelöst und auf schwarzen Untergrund gesetzt: „Sie wirkten in der City genauso isoliert und um diese Jahreszeit auch etwas befremdlich“, erzählt sie. „Sich treiben lassen zu können und solche Eindrücke zu sammeln, das macht den Wert dieses Stipendiums und der Arbeit hier im Atelier aus“, sagt sie. Von Anfang an sei die Zeit in Bremerhaven etwas Besonderes gewesen: „Ein großer Freiraum.“ Den Rahmen dafür gab ein kleines weißes Holzhaus.

Bildmaterial:
Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.

Error

JavaScript von kostenlose-javascripts.de
×

Powered by

× Redaktion NSR Stadtmagazin