Behörde nimmt Einrichtungen unter Vertrag Neue Schlafplätze für Obdachlose im Bremer Norden

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Seit Längerem gab es im Bremer Norden keine Schlafunterkünfte für Obdachlose. Jetzt gibt es wieder Einrichtungen – doch davon wissen weder Politiker noch Helfer.

Über längere Zeit gab es im Bremer Norden keine Anlaufstelle, in der Obdachlose für die Nacht unterkommen können. Damit ist jetzt Schluss. Nach Angaben der Sozialbehörde sind zwei Einrichtungen unter Vertrag genommen worden, die Menschen ohne Bleibe aufnehmen. Das Problem dabei: Dass es die neuen Adressen gibt, wussten bisher weder Politiker, die sich für die Belange von Obdachlosen einsetzen, noch die Mitstreiter einer Initiative, die mehr Hilfsangebote im Norden schaffen will.

Wer seine Wohnung verlor, konnte vor Jahren noch hoffen, in einer Notunterkunft im Hochhaus am Vegesacker Bahnhofsplatz ein Bett zu bekommen. Oder in einem Hotel, das die Sozialbehörde Schlichthotel nennt. Doch da die Notunterkunft geräumt werden musste, weil der Eigentümer aus den Hochhausetagen ein Hostel machen wollte und Nordbremer Schlichthotels aus privatwirtschaftlichen Gründen eine Zeit lang keine Wohnungslosen mehr aufnahmen, entstand eine Lücke.

Noch im Sommer hieß es, dass es keinen Schlafplatz für Obdachlose im Bremer Norden gibt. Jetzt sagt Bernd Schneider, dass mit zwei Inhabern von Schlichthotels neue Verträge abgeschlossen wurden. Nach Rechnung des Sprechers von Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) können in den beiden Blumenthaler Anlaufstellen bis zu 36 Menschen unterkommen. Ihm zufolge ist die Fachstelle Wohnen, die im April nach langer Vakanz in Vegesack wieder besetzt wurde, für die Verteilung der Plätze zuständig.

Heiko Dornstedt freut sich, dass es wieder Unterkünfte für Menschen ohne Bleibe gibt. Noch besser hätte es der Vegesacker Ortsamtsleiter allerdings gefunden, wenn die Behörde ihn darüber auch informiert hätte. Dornstedt gehört nicht nur – wie alle Nordbremer Ortsamtschefs – einer Initiative für Wohnungslose an. Er leitet sie. So gesehen, meint er, eigentlich zu denen zu gehören, die schnell von neuen Anlaufstellen erfahren sollten. Schon deshalb, um die Adressen weitergeben zu können.

Wie man Obdachlosen jetzt helfen könnte

Auch Oliver Fröhlich findet, dass er eine Nachricht des Ressorts verdient hätte. Er ist zwar nicht wie Dornstedt der Chef des Unterstützerkreises für Wohnungslose, aber der Chef des Blumenthaler Ortsamtes. Fröhlich sagt, erst neulich mit Beiratssprecher Hans-Gerd Thormeier überlegt zu haben, wie man Obdachlosen jetzt helfen könnte – nicht nur, weil es kalt wird, sondern auch wegen Corona. Fröhlich sagt, bisher über einen Container als Treff nachgedacht zu haben. Nun fragt er sich, ob der überhaupt noch gebraucht wird.

Thomas Pörschke hält jede Bemühung für wichtig, um die Situation für Wohnungslose zu verbessern, auch die um einen Mobilbau. Der Nordbremer Bürgerschaftsabgeordnete kümmert sich bei den Grünen unter anderem um die Belange von Obdachlosen, über die neuen Schlafplätze für sie wurde er trotzdem nicht informiert. Nach Pörschkes Ansicht kommen die beiden Angebote wegen des Winters gerade recht. Dennoch, findet er, müsste noch mehr geschehen, um Wohnungslosen zu helfen.

Sozialarbeiter gehen von 30 bis 60 Menschen aus, die im Bremer Norden dauerhaft oder vorübergehend keine Bleibe haben – und Pörschke davon, dass die Situation für sie noch nie so angespannt war. Er sagt, mit Sorge auf die nächsten Monate zu blicken. Für ihn offenbart nicht bloß die Kälte, dass Angebote für Obdachlose fehlen, sondern auch Corona. Pörschke spricht von einem Mangel an Rückzugs- und Hygienemöglichkeiten. Und davon, dass vieles zwar geplant ist, aber eine lange Vorlaufzeit hat.

Duschbus soll Lücke schließen

Wie der Duschbus. So nennt Pörschke eine mobile Sanitäranlage, die ihm zufolge eigentlich noch in diesem Jahr eingesetzt werden sollte, jetzt aber wohl erst im nächsten kommt. Auch dieses Hilfsprojekt soll eine Lücke schließen. Weil es mehrere Waschmöglichkeiten für Obdachlose in der Innenstadt gibt, aber kaum welche in den Randgebieten, soll der Duschbus künftig vor allem in den äußeren Bezirken Bremens unterwegs sein. Auch der Norden gehört zu diesen Außenbezirken.

Dass es deutlich mehr Angebote in der City als in diesem Teil der Stadt gibt, fällt Florian Boehlke bei fast jeder Beiratsdebatte über Wohnungslose auf. Der Burglesumer Ortsamtsleiter kommt in seinem Verwaltungsgebiet zwar auf mehrere Hilfsprojekte für Menschen in Schwierigkeiten, aber auf kein einziges Vorhaben, das sich ausschließlich an Wohnungslose wendet. Immer, sagt er, geht es auch um andere Gruppen, die Hilfe suchen. Zum Beispiel um Jugendliche. Zum Beispiel um Suchtkranke.

Beim sogenannten Szenetreff an der Aumunder Heerstraße in Vegesack ist es nicht anders. Auch dort kommen Menschen mit unterschiedlichen Problemen zusammen. Auch dort wollte man einen Mobilbau aufstellen, damit sie sich bei Kälte aufwärmen und statt einer Dixi-Toilette reguläre Sanitäranlagen nutzen können. Doch das Projekt der Obdachlosen-Initiative scheiterte. Die Behörde hatte weder einen Container noch Personal, das die Menschen betreut.

Jetzt versucht die Innere Mission, die den Szenetreff managt und zu den Mitstreitern der Initiative gehört, etwas anderes. Nach Angaben von Katharina Kähler wird daran gearbeitet, sowohl die Zahl der Streetworker als auch die der Treffs zu erhöhen. Die Sprecherin der Inneren Mission sagt, was auch andere Partner des Bündnisses für Menschen ohne Bleibe sagen: dass die Situation für sie prekärer ist als sonst – und jedes Plus an Angeboten deshalb nützlich ist.