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Polizei rät Eltern ihre Kinder zu Fuß zur Schule zu schicken

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VonCharly

Sep 30, 2020
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An nahezu allen Nordbremer Grundschulen führen sogenannte Elterntaxis zu Verkehrschaos. Die Polizei rät: Die Kinder sollten lieber zu Fuß gehen. Was Kontaktpolizisten vor der Grundschule Borchshöhe erleben …

Mittwochmorgen, 7.30 Uhr, vor der Grundschule Borchshöhe. Noch ist es relativ ruhig auf der Straße Auf dem Flintacker. Doch die Kontaktpolizisten (Kops) Michaela Freese und Maurice Myschker wissen: Das wird sich in spätestens 15 Minuten ändern. Dann fahren wieder zahlreiche Eltern vor, um ihre Sprösslinge zur Schule zu bringen. Allzu häufig haben die Kops das Durcheinander von heranfahrenden Autos, die in zweiter Reihe parken oder Gehwege blockieren, haltenden Schulbussen und Kindern, die dazwischen über die Straße laufen, schon erlebt.

Die Straße Auf dem Flintacker passieren nach Angabe der Kops während der Schul- und Kita-Zeit jeden Morgen rund 500 Kinder, Erzieher, Lehrer sowie weiteres Personal. Dazu kommen die Begleitpersonen der Schüler und der Kita-Kinder samt Fahrzeugen. Kein Wunder also, dass es voll wird – und häufig auch chaotisch. So sehr, dass die Polizei das Amt für Straßen und Verkehr einschalten müsste, ist es bisher aber nicht, betont Michaela Freese. „Wenn es an einer Schule zu gefährlich wäre, dann würden wir das natürlich weitergeben.“ Dafür zeigen die Kontaktpolizisten an den Schulen Präsenz und kontrollieren regelmäßig. 

Lehrer und Eltern klagen über schwierige Verkehrssituation

„Das Problem der Elterntaxis haben wir eigentlich an allen Nordbremer Grundschulen“, sagt Michaela Freese. Abhängig von den örtlichen Gegebenheiten sei es an einigen Schulen mehr oder weniger vorherrschend, „das hängt zum Beispiel davon ab, wie viele Parkplätze es gibt und wie breit die Straße ist“. Grundsätzlich klagten jedoch Lehrer und Eltern an jeder Schule, dass die Verkehrssituation schwierig und es nicht sicher für die Kinder sei. Diese Aussagen ärgern die Kontaktpolizistin, wenn sie von Eltern kommen, die selbst mit dem Auto vorfahren, um ihren Nachwuchs direkt vor der Schule abzuliefern. Freese erzählt: „Mir hat mal ein Elternteil gesagt: Sie sollten häufiger hier sein. Hier ist Chaos. Meine Antwort war: Das Chaos verursachen auch Sie.“

Inzwischen hat der Verkehr vor der Schule deutlich zugenommen. Aus allen Richtungen kommen die Schüler zu Fuß oder mit dem Rad auf die Schule zugeströmt. Und ebenfalls von allen Seiten kommen die Elterntaxis. Michaela Freese hat einen Wagen im Blick, der genau an der Haltestelle für den Schulbus hält. Sie läuft hin, spricht die Fahrerin an, die gerade ihr Kind aus dem Auto lassen will. „Fahren Sie bitte ein Stück weiter“, sagt sie zu der Mutter. Nachdem die Frau aus dem Haltestellenbereich herausgefahren ist, steigt sie aus und sagt: „Ich wollte nur ganz kurz halten. Ich hab die Haltestelle gar nicht gesehen.“ Das ist eine Erklärung, die die Polizisten häufig zu hören bekommen. „Nur mal eben schnell …, ganz kurz … , ich bin auf dem Weg zur Arbeit… .“ Doch diese Entschuldigungen lassen die Beamten nicht gelten.

Beim Blick in den Wagen entdeckt die Polizistin etwas, was sie regelmäßig besonders verärgert: Das Kind ist nicht angeschnallt. „Viele Eltern argumentieren, dass sie ihre Kinder mit dem Auto bringen, weil sie möchten, dass sie sicher zur Schule kommen – und dann sitzen die Kinder unangeschnallt im Wagen.“ Die Frau versucht sich inzwischen zu erklären. Der Tag sei chaotisch, der Vogel der Familie heute Morgen gestorben, es habe Probleme mit der älteren Tochter gegeben, sie sei überfordert. „Dann sollten sie gar nicht Auto fahren“, ist die lakonische Antwort von Michaela Freese. Sie nimmt die Personalien der Frau auf. Ein Bußgeld in Höhe von 30 Euro erwartet sie. „Sie bekommen dann Post“, sagt die Polizistin.  

Inzwischen sind zwei Frauen von der Straße Auf dem Flintacker nach links in die Apoldaer Straße eingebogen und haben mit ihren Autos auf dem Fußweg geparkt. Michaela Freese macht sich auf den Weg zu den Wagen, um die Fahrerinnen, aus deren Autos jeweils zwei Kinder steigen, anzusprechen. „Hier ist das Parken zwar erlaubt, aber nicht auf dem Fußweg“, erklärt sie ihnen und gibt noch den Hinweis: „Noch besser wäre es, wenn Sie nicht direkt an der Schule halten würden.“

Ihr Kollege Maurice Myschker behält inzwischen die Straße vor der Schule im Blick. Dort sind Parkbuchten, die momentan alle belegt sind. Ein SUV hält in zweiter Reihe, auf dem Rücksitz sitzt ein Junge. Neben ihm liegt ein Schulranzen auf dem Sitz. Die Mutter sieht den Polizisten, schüttelt den Kopf und fährt langsam weiter. Ein Stück die Straße herunter und von der Schule entfernt, hält sie erneut. Nun steigt der Junge aus.

Gehupt und wild rangiert

„Die Eltern wissen zum Teil genau, dass sie hier nicht halten sollen und machen es trotzdem. Wenn wir da sind, läuft natürlich alles geordneter“, sagt Maurice Myschker. Besonders viel los war in der Woche nach Schulbeginn, weiß der Kontaktpolizist. „Da wurde gehupt und wild rangiert.“ Sein Eindruck ist: „Vermutlich haben sich viele Eltern der Erstklässler die Örtlichkeit hier vorher gar nicht angeschaut.“ Auch dass Autos mitten auf der Straße anhalten und alles blockieren, haben die Polizisten schon erlebt. „Da wird es dann besonders gefährlich für die Kinder, wenn sie mitten auf der Straße aussteigen müssen“, sagt Michaela Freese. 

Weil sich viele Eltern den Ansprachen der Polizisten gegenüber resistent zeigen, sind die Kops inzwischen dazu übergegangen, den Nachwuchs anzusprechen. „Leider sind die Eltern oft kein gutes Vorbild“, weiß Myschker. Er und seine Kollegin appellieren daher an die Kinder: „Denkt daran, dass Mama und Papa euch anschnallen müssen. Und sagt euren Eltern, dass ihr ruhig an der nächsten Ecke aussteigen und ein Stück zu Fuß gehen könnt.“ Auf diese Weise hoffen die Kops, auch die Eltern zu erreichen.

Inzwischen ist es 8 Uhr. Schulbeginn. Auf der Straße hat der Verkehr wieder deutlich nachgelassen. Das Fazit der Kops: „Heute war eher weniger los.“ Ruhig bleibt es bis zum Mittag – wenn die Eltern ihre Kinder wieder abholen.

Zur Sache

Elterntaxi – Tipps der Polizei

▪ Eltern sollten ihre Kindern möglichst nicht mit dem Auto zur Schule bringen, stattdessen sollten Grundschüler zu Fuß zur Schule gehen.

▪ Mit Erstklässlern sollten die Eltern den Schulweg zunächst einige Wochen lang üben und sie dann alleine gehen lassen.

▪ Eine Möglichkeit für den gemeinsamen Schulweg in der Gruppe ist der sogenannte Schulexpress, bei dem die Kinder sich an bestimmten Punkten treffen und in der Gruppe gemeinsam zur Schule gehen – begleitet von einem Elternteil oder von älteren Schülern.

▪ Kann auf das Auto als Transportmittel nicht verzichtet werden, sollten Eltern nicht direkt vor der Schule parken, sondern etwas entfernt, um die Verkehrssituation zu entzerren. Außerdem sollten Eltern so halten, dass Kinder in Ruhe auf der Seite des Bürgersteigs aussteigen können.

▪ Auf Rangier- und Wendemanöver sollte vor der Schule möglichst verzichtet werden.

▪ Das Kind sollte auf jeden Fall sicher im Auto sitzen, in einem Kindersitz oder auf einer Sitzerhöhung, und angeschnallt werden.

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