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Ende des Traditionshotels Strandlust schließt nach 122 Jahren

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Insolvenzverwalter Christian Kaufmann und Pächter Philipp Thiekötter haben die Strandlust nicht retten können. Das wurde den 55 Mitarbeitern am Montag mitgeteilt. Sie erhalten nun ihre Kündigung.

Im großen Saal, in dem früher zahlreiche Bälle und andere Veranstaltungen gefeiert wurden, stapeln sich jetzt Teller, Gläser, Wäsche. Das Inventar gehört nun zur Insolvenzmasse.

Das Leergut kommt hierhin, das Vollgut dorthin.“ Philipp Thiekötter koordiniert am Montagmorgen die Mitarbeiter zum letzten Mal. „Wir bauen schon ab.“ Das Personal räumt Zimmer und Küche des 1898 gegründeten Traditionshotels leer. Es ist der letzte Tag in der 122-jährigen Firmengeschichte. „Es geht heute zu Ende. Ich werde kein Chaos hinterlassen“, sagt Thiekötter.

Am Mittag sind die Vorhänge bereits vorgezogen, die Lobby mit den weißgoldenen Sitzmöbeln ist menschenleer. Da, wo früher Bilder hingen, sind nur die Haken: Die Künstlerin hat ihre Leihgabe abgeholt. Pächter Philipp Thiekötter steht mit den 55 festangestellten Mitarbeitern hinten bei der Veranda des Hotels. Während draußen die Fähren vorbeifahren, erfahren die Zimmermädchen, Spülfrauen und Hausmeister bei der für 12 Uhr einberufenen Betriebsversammlung, dass sie am nächsten Tag ihre Kündigung von Insolvenzverwalter Christian Kaufmann erhalten werden. „Es tut mir richtig weh. Die Strandlust war meine zweite Familie“, sagt Britta Hillmann.

Die Nordbremerin hatte Mitte der Achtziger Jahre ihre Lehre im Hotel angefangen. Nachdem sie Jahre lang als Hausdame die Zimmermädchen eingeteilt und die Zimmer und Juniorsuiten kontrolliert hat, packt Britta Hillmann an diesem Tag im großen Saal Teller und Besteck in Kisten: Das Inventar des Hauses ist plötzlich zur Insolvenzmasse geworden. Eine Mitarbeiterin rollt einen großen Wäschewagen über das alte Parkett und stellt ihnen neben das Geschirr. Am Rand des Saals stehen Tische – zusammengeklappt.

Philipp Thiekötter hilft mal hier, mal dort. Seine Wangen sind gerötet. Die Betriebsversammlung sei „extrem emotional“ gewesen: „Viele haben geweint.“ Dass die Strandlust nach 122 Jahren endgültig schließt, sei ganz schlimm: „Schlimm für die Mitarbeiter, schlimm für mich, das ist für ganz Vegesack schlimm.“

Bis zum Schluss gekämpft

Die Versammlung mit seinem Team, „dem besten überhaupt“, ist keine Stunde her. „Ich habe bis zum Schluss gekämpft“, betont Philipp Thiekötter. Jetzt muss er nur noch abwickeln, bis er am Folgetag den Schlüssel abgibt, ist noch viel zu tun. Während die Reinigungskräfte die Leih-Bettwäsche aus den Zimmern zu großen Containern bringen, die die Wäscherei später abholen soll, klärt er, was mit den Auszubildenden passiert. Der eine werfe das Handtuch. Er wolle die Lehre sofort abbrechen und etwas anderes lernen. Der andere ist mit 14 Jahren aus Nigeria geflüchtet. Der Pächter würde ihn gern in seinem Hotel Havenhaus weiter beschäftigen, das nur wenige Schritte von der Strandlust entfernt liegt.

Der letzte von rund zehn Hotelgästen checkt aus. Ein junger Mann, der kein deutsch spricht. An der Rezeption hilft Michelle Thiekötter, die Frau des Pächters, beim Umbuchen. 2006 hatte ihr Mann die Strandlust gepachtet. Viele schöne Erinnerungen hängen an dem Haus. Die Schönste sei die Taufe des Sohnes im Ochtumzimmer gewesen: „Pastor Ulrich Kleinert kam extra hierher.“

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